Verfasst von: Sabine Kalitzkus | 7. Dezember 2008

Gedanken zu Nietzsches Horoskop

Friedrich Nietzsche - Radix

Friedrich Nietzsche - Radix

Friedrich Nietzsche wurde mit einem Skorpion-Aszendenten geboren. Das bedeutet, daß er als lebendige Erscheinung des Verneinten seiner Vorfahren das Licht der Welt erblickte, also alle Anteile des Lebens verkörperte, die im Leben seiner Vorfahren zum Ausdruck hätten kommen sollen, von ihnen jedoch verweigert wurden.

Um welche Anteile handelt es sich in diesem besonderen Fall?

Der zum Skorpion gehörende Planet Pluto steht im fünften Haus in Opposition zur Sonne im elften: Seine Vorfahren haben also den spontanen, der jeweiligen Situation angemessenen Ausdruck ihrer Empfindungen verneint – sie haben es vermieden, ihre Gefühle auf lebendige, wahrhaftige Weise zum Ausdruck zu bringen, sie statt dessen ins Unbewußte verdrängt.

Ein weiterer Blick auf das Horoskop offenbart uns eine Spiegelpunkt-Opposition von Pluto zu Venus: Bei diesen Vorfahren handelt es sich daher nicht um ein natürlich gewachsenes Gefüge eigenständiger Menschen, sondern um einen Clan, um ein künstliches Geflecht Uneigenständiger.

Jeder Clan hat ein Oberhaupt, einen Boß, der das Bedürfnis verspürt und auch dazu imstande ist, seine Vorstellungen auf die anderen Mitglieder des Clans zu übertragen. Die Clanmitglieder haben sich den Vorstellungen des Oberhauptes zu unterwerfen, sofern sie weiterhin Mitglieder des Clans bleiben wollen. (Döbereiner 1988, S. 208.)

Aus Biographien erfahren wir, um welche Art von Clan es sich in Nietzsches Fall handelte. Sowohl von väterlicher, als auch von mütterlicher Seite her finden sich eine lange Reihe protestantische Geistliche unter den Vorfahren. Auch Nietzsches Vater Carl Ludwig Nietzsche war protestantischer Pfarrer.

Der Vater

Sonne-Pluto ist ein chronisch gewordener Sonne-Neptun, also eine chronisch gewordene Königskonkurrenz. Diese Vorfahren haben es vermieden, „Könige“ und „Königinnen“ in ihrem eigenen Reich zu werden, sondern sich statt dessen als unselbständige Untertanen eines bestehenden Reiches dem amtierenden „König“ unterworfen. Nachdem es sich hier mehrheitlich um protestantische Geistliche handelte, ist mit dem „Königreich“ die streng hierarchisch durchorganisierte christliche Kirche gemeint, deren Wertvorstellungen, Maßstäben und Dogmen sie sich als Pfarrer unterwerfen mußten.

Entsprechend finden wir in Carl Ludwig Nietzsches Horoskop ein gradgenaues Sonne-Neptun-Spiegelpunkt-Quadrat. Da mir die Geburtszeit von Nietzsches Vater nicht bekannt ist, bilde ich sein Horoskop hier ohne Häusersystem ab.

Carl Ludwig Nietzsche - Radix

Carl Ludwig Nietzsche - Radix

Nietzsches Pluto in der Nähe des Mondes seines Vaters ist ein Hinweis darauf, daß es sich bei dem Inhalt von Nietzsches „Pluto-Container“ vor allem um die nicht zum Ausdruck gebrachten Empfindungen seines Vaters gehandelt haben könnte.

Die Wirkung christlicher Ideologie

Kindern gläubiger christlicher Elternhäuser wurden von jeher mittels Rute, Stock und Strafen christliche Tugenden wie Nächstenliebe, Mitleid und Erbarmen eingebleut – Tugenden, die sie zwar selbst ständig auszuüben hatten, die sie aber selten am eigenen Leibe erleben durften. Ein Kind, das zu christlichen Tugenden abgerichtet wird, hat keine Möglichkeit, seine echten Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche zum Ausdruck zu bringen, falls es sich bei diesen Gefühlen um solche handeln sollte, die nach christlicher Dogmatik verpönt sind.

Die Verdrängung elementarer Gefühle in der Kindheit und die lebenslange Leugnung der erlebten Qualen führten sowohl für Friedrich Nietzsche als auch für seinen Vater in die geistige Umnachtung und zu einem frühen Tod. Nietzsche war noch keine fünf Jahre alt, als sein Vater im Alter von 36 Jahren an „Gehirnerweichung“ starb.

Im Falle zahlreicher Mitglieder der RAF, die aus evangelischen Pfarrersfamilien stammten, führte der früh im Unbewußten gespeicherte Zorn auf die Peiniger der Kindheit dazu, sich später an der ganzen Gesellschaft für diese Qualen zu rächen. Ein angemessener Ausdruck des Zornes und des Schmerzes im Kindesalter ist mit christlichen Wertvorstellungen gänzlich unvereinbar.

Der Nietzsche-Clan

Seit dem frühen Tod des Vaters bestand der Nietzsche-Clan aus sechs Frauen: Mutter, Schwester, Großmutter, zwei unverheirateten Tanten und einem Dienstmädchen.

Nietzsches Dasein unter all den Frauen „hätte für ihn gut ausgehen können“, schreibt Alice Miller in dem siebzig Seiten umfassenden Nietzsche-Kapitel in ihrem Buch „Der gemiedene Schlüssel“,

… wenn eine dieser Frauen ihm Zärtlichkeit, Wärme und echte Zuwendung gegeben hätte. Aber all diese Frauen übertrafen sich in dem Bemühen, ihm Selbstbeherrschung und andere christliche Tugenden beizubringen. Der Ursprünglichkeit seiner Phantasie und Echtheit seiner Fragen war ihre angelernte Moral keineswegs gewachsen. So versuchten sie, die unbequeme Neugier des Kindes mit Hilfe strenger Kontrolle und harter Erziehung zum Schweigen zu bringen. (Miller 1996, S. 19)

Nietzsche paßt sich an und unterdrückt seine Gefühle vollständig. In der umfangreichen Biographie von Curt Paul Janz wird von einer Szene berichtet,

… die das Ausmaß der Selbstverleugnung deutlich illustriert. Von einem starken Regen auf dem Heimweg nach der Schule überrascht, hat das Kind Nietzsche seinen Schritt nicht beschleunigt, sondern ging langsam aufrecht weiter. Als Erklärung sagte der Junge, daß man „beim Verlassen der Schule ruhig und gesittet nach Hause gehen müsse. Das verlange das Reglement.“ Welche Dressur mußte wohl diesem Benehmen vorausgegangen sein? (A. a. O., S. 19f)

Die Folgen dieser mittels christlicher Ideologie erzwungenen Selbstverleugnung sind tragisch:

Friedrich Nietzsche überlebt diese Kindheit, er überlebt die über hundert Erkrankungen pro Jahr während seiner Gymnasialzeit, die ständigen Kopfschmerzen, die rheumatischen Beschwerden, die die Biographen fleißig nachgezählt haben, ohne nach deren Ursachen zu suchen, und die sie schließlich einer „schwachen Konstitution“ zuschrieben. Mit zwölf Jahren schreibt er ein Tagebuch, wie es ein Erwachsener hätte schreiben können, angepaßt, vernünftig, brav. Doch in der Adoleszenz brechen die einst unterdrückten Gefühle aus ihm heraus und finden ihren Niederschlag in seinen Werken. Und als er dann, mit vierzig Jahren, seine Einsamkeit nicht mehr aushält und, da er seine Geschichte und ihre Wurzeln in der Kindheit nicht sehen darf, den Verstand verliert, ist alles „klar“: die Historiker finden die Ursache des tragischen Endes in der Gonorrhöe, mit der er sich als Jugendlicher angesteckt hat. Im Sinne unserer Moral ist dann auch alles folgerichtig: die gerechte, wenn auch spät einsetzende Strafe für einen Besuch im Bordell in Form einer tödlichen Krankheit. Das erinnert an die heutigen Spekulationen über Aids-Erkrankungen. Alles scheint bestens aufzugehen, und die bürgerliche Moral ist wiederhergestellt. (A. a. O., S. 14f)

Der Fall Wagner

Der Komponist Richard Wagner übernahm gern die Rolle des Ersatzvaters für unbeweibte Jünglinge – insbesondere wenn diese Jünglinge ihm etwas zu bieten hatten. Von Nietzsche, mit dem ihn die Liebe zur Philosophie Schopenhauers verband, profitierte er in geistiger Hinsicht, vom bayerischen König Ludwig II. in finanzieller.

Wie jeder Mensch, dessen Gefühle in der Kindheit nicht vollständig zum Ausdruck kommen durften, steckte auch Nietzsche im Wiederholungszwang, als er im Alter von 24 Jahren Richard Wagner kennenlernte. Als er ihm ein paar Monate später in Tribschen bei Luzern wiederbegegnet und im Hause Wagner Familienanschluß findet, entbrennt er in schwärmerischer, idealisierender Liebe zu dem 31 Jahre älteren Mann, wie sie die meisten Kleinkinder für ihre Väter empfinden. An einen Freund schrieb Nietzsche damals:

In ihm [Wagner] herrscht so unbedingte Idealität, eine solche tiefe und rührende Menschlichkeit, ein solcher erhabener Lebensernst, daß ich mich in seiner Nähe wie in der Nähe des Göttlichen fühle. (Frenzel 2000, S. 44)

Ähnliches floß auch Ludwig II. aus der Feder, nachdem Wagner am 3. Mai 1864 mit den Worten „Theurer huldvoller König!“ brieflich mit ihm angebandelt hatte:

… der Zielpunkt meines Denkens und Fühlens, (…) meine höchste Liebe. (Heißerer 2003, S. 35)

An Wagner schrieb Ludwig:

Seien Sie überzeugt, ich will Alles thun, was irgend in meinen Kräften steht, um Sie für vergangene Leiden zu entschädigen. – Die niedern Sorgen des Alltagslebens will ich von Ihrem Haupte auf immer verscheuchen, die ersehnte Ruhe will ich ihnen [sic] bereiten, damit Sie im reinen Aether Ihrer wonnevollen Kunst die mächtigen Schwingen Ihres Genius ungestört entfalten können! (Ebd.)

Der solchermaßen gleich von mehreren Seiten glühend Umschwärmte sah sich zumindest von der Liebe Nietzsches alsbald befreit. Nietzsche überläuft im Alter von 30 Jahren und ein paar Monaten im Phänomensrhythmus den Pluto. Dadurch werden die in der Kindheit verdrängten Gefühle aktiviert und drängen zum Ausdruck. Aufgrund der allgemein herrschenden Erziehungsideologie (damals noch deutlicher als heute) dürfen sie jedoch nur in verklausulierter Form zum Ausdruck kommen: Sie werden daher nicht gegen die tatsächlichen Peiniger der Kindheit gerichtet, sondern auf ein erlaubtes Ersatzobjekt umgeleitet.

Der lange aufgestaute Zorn über die Verwirrung, die Nietzsches Vater in seinem kleinen Sohn verursacht hatte, indem er ihm zwar manche Gefühle erlaubte, andere jedoch schwer bestrafte, entlädt sich nun gegen Richard Wagner, der ihm tatsächlich jedoch gar nichts getan hatte, ihm persönlich sogar sehr zugeneigt war, wie Alice Miller schreibt. Die Intensität, mit der die ursprüngliche schwärmerische Liebe für Wagner nun in blanken Haß umschlägt, läßt sich nur mit der Intensität erklären, mit der jedes Kind seine Gefühle erlebt – wenn man es läßt.

So schreibt er in seiner Schrift „Nietzsche contra Wagner“:

Schon im Sommer 1876, mitten in der Zeit der ersten Festspiele, nahm ich bei mir von Wagnern Abschied. Ich vertrage nichts Zweideutiges; seitdem Wagner in Deutschland war, condescendirte er Schritt für Schritt zu Allem, was ich verachte – selbst zum Antisemitismus … Es war in der That damals die höchste Zeit, Abschied zu nehmen: alsbald schon bekam ich den Beweis dafür. Richard Wagner, scheinbar der Siegreichste, in Wahrheit ein morsch gewordner verzweifelnder décadent, sank plötzlich, hülflos und zerbrochen, vor dem christlichen Kreuze nieder … (KSA 6, S. 431)

Größenwahn statt Verlassen des Clans

Schon das Kind wußte, daß es mehr wußte als die Menschen in seiner Umgebung. Doch dieses Wissen auszusprechen, hätte gegen das christliche Gebot der Bescheidenheit verstoßen. So blieb Nietzsche schon als Kind mit dem Wissen um seine Größe allein, wie Miller schreibt.

Mit Mars-Uranus und Venus-Pluto hätte er aus diesem Clan, der in Gestalt von Mutter und Schwester ihn sein Leben lang versklavt und für eigene Zwecke mißbraucht hatte, hinausmutieren müssen. Zwar hatte er deutliche Worte gefunden, um diese beiden Frauen zu charakterisieren:

Die Behandlung, die ich von Seiten meiner Mutter und Schwester erfahre, bis auf diesen Augenblick, flösst mir ein unsägliches Grauen ein: hier arbeitet eine vollkommene Höllenmaschine, mit unfehlbarer Sicherheit über den Augenblick, wo man mich blutig verwunden kann – (KSA 6, S. 268)

… hatte diesen Worten jedoch nie Taten folgen lassen. Und so entwickelte sich aus dem einstigen Wissen um seine Größe der Größenwahn. Geistig umnachtet hatte er keine Möglichkeit mehr, sich gegen die umfassenden Fälschungen zur Wehr zu setzen, die seine Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche seinem Werk angedeihen ließ. Diese Fälschungen aufzuspüren und zu bereinigen gelang erst Jahrzehnte später den beiden Nietzsche-Forschern Giorgio Colli und Mazzino Montinari.

* * *

Geburtsdaten:

Friedrich Nietzsche: 15.10.1844, 9:30 h LMT, Röcken bei Lützen.

Carl Ludwig Nietzsche: 10.10.1813, Eilenburg, Sachsen-Anhalt.

Quellen:

Wolfgang Döbereiner, Astrologisch-homöopathische Erfahrungsbilder zur Diagnose und Therapie von Erkrankungen, Band 1, 5. Auflage, München 1988.

Ivo Frenzel, Friedrich Nietzsche, Reinbek 1966, 2000.

Dirk Heißerer, Ludwig II., Reinbek 2003.

Alice Miller, Der gemiedene Schlüssel, Frankfurt 1996.

Friedrich Nietzsche, Kritische Studienausgabe Band 6, Hrsg. Giorgio Colli und Mazzino Montinari, München 1988.


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